GenerationenWohnen

Altbewährtes neu entdecken

Einige Fragen an Frau Prof. Pasqualina Perrig-Chiello*

Sind heute die Beziehungen zwischen den Generationen generell schwierig? Wenn ja, was sind die Gründe dafür, weshalb und wie haben sie sich verändert?

 

Ja, die Beziehungen sind komplexer geworden. Grund dafür sind die demographischen und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, namentlich:

  • Längere Lebenserwartung und Entwicklung zur Mehr-Generationen-Gesellschaft;
  • Längere gemeinsame Lebensspanne verschiedener Generationen
  • Grössere Mobilität > familiale Generationen leben zunehmend getrennt
  • Geburtenrückgang und Trend zu weniger Kindern
  • Neue Formen des Lebenslaufes: Destandardisierung des Lebenslaufs (= wer, was, wann macht, ist weniger normiert als früher)
  • Wertewandel: Individualisierung, Singularisierung (zunehmend mehr Alleinlebende).

Insgesamt können wir aber sagen, dass die familialen Generationenbeziehungen (Eltern-Kinder, Enkel-Grosseltern) sich eher verbessert als verschlechtert haben.
Lücken der Generationenbeziehungen ergeben sich primär ausserhalb familialer Zusammenhänge: Nachbarschaft, öffentliche Diskurse, Politik sowie aufgrund von Nachhaltigkeitslücken bei der Sozialpolitik (negative Generationenbilanz des Wohlfahrtsstaates).


Trifft es zu, dass ältere und alte Menschen, von Ausnahmen abgesehen, im Umgang mit Jüngeren und Jungen Mühe bekunden und diese nicht mehr verstehen können, dass sogar Ängste die Beziehungen trüben?


 

Persönliche Kontakte zwischen alten und jungen (nicht verwandten) Menschen finden nicht sehr häufig statt, werden aber von beiden Seiten mehrheitlich als zufrieden stellend erlebt. Allfällige Ängste seitens der alten Menschen gegenüber Jungen sind ein Zeichen, dass der Dialog fehlt.

Trifft es zu, dass jüngere Menschen und vor allem Jugendliche die ältere Generation zu Recht als mühsame, rechthaberische Nörgler, ja schlimmer noch, als Last empfinden?

 

Mühsame Menschen gibt es in jeder Alterskategorie. Altere Leute sind aber von negativen Stereotypien mehr betroffen als andere Altersgruppen – sie sind oftmals Zielscheibe von gesellschaftlichen Ängsten und Projektionen (Alterslast,,,). In der Regel relativieren sich diese stereotypen Annahmen, wenn man die Person persönlich kennt und mit ihr in einer Beziehung steht.
Zudem haben verschiedene Studien gezeigt, dass ... Jugendliche kein schlechtes Bild vom Alter haben, sondern Probleme mit den ‚jungen Alten‘, die sich zu jugendlich geben.


Wie ist eigentlich die Position der Sandwichgeneration im Beziehungsnetz, und zwar gegen unten und gegen oben?

 

Kaum hat eine Mehrheit der 40-60-Jährigen (und vor allem Frauen) ihre Kinder grossgezogen, erleben viele von ihnen einen zweiten beruflich-familialen Vereinbarkeitskonflikt (Beruf/Pflege alter Eltern): Hohe moralische Verpflichtung, geringe Unterstützung und Wertschätzung, schwindende Möglichkeiten. Aber auch nach „unten“ hören die Aufgaben nicht auf: Wir beobachten immer mehr das Phänomen, dass erwachsene Kinder lange nicht ausziehen und, wenn sie mal ausgezogen sind, wieder ins Elternhaus zurückkommen. Aufgrund der in der Schweiz fehlenden Kleinkinderbetreuungsplätze sehen sich viele Eltern dieser Altersgruppe verpflichtet, ihre Enkelkinder zu betreuen, um ihren Kindern bei der Verfolgung beruflicher Ziele zu helfen.
Diese Arbeit wird ehrenamtlich gemacht und stellt auf die Dauer eine echte Herausforderung dar. Die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten in der familialen Pflege haben sich nicht aufgelöst (Hierarchie: Partner/in, Töchter, Schwiegertöchter, Söhne). (Frauen übernehmen 71% der informellen Pflegeleistungen innerhalb Haushalt, und 85% der informellen Pflegeleistungen ausserhalb Haushalt.

 

Ist es vorstellbar, dass ein Zusammenleben, basierend auf Respekt und Toleranz, getragen durch ein Netz der Solidarität im Kleinen, eben im Wohnumfeld, dem Quartier, der Siedlung, verbreitete Vorurteile Lügen strafen könnte? Oder, funktionieren solche Modelle sowieso nicht, wie Skeptiker dies wissen wollen? (Alte ertragen keinen Kinderlärm, sind intolerant, Junge sind respektlos, haben keine Manieren etc., etc.)

 

Ja, aber dazu braucht es gewisse Spielregeln generationenübergreifender Projekte/Teams, namentlich:

  • Mitbestimmung aller beteiligten Generationen (von Beginn an)
  • Akzeptanz und Thematisierung der Generationen-Differenzen
  • Wechselseitiges Generationenlernen (von alt zu jung, aber auch von jung zu alt)
  • Relativierung von Status- & Besitzdenken (und ältere Generation muss ihre Erfahrungen reflexiv verarbeitet haben).
  • Zurückhaltendes Einbringen der eigenen Erfahrungen (Engagement ohne Einmischung)

Könnte ein Modell des Zusammenlebens wie das geplante in Muri, mit dem nötigen Mass an Nähe und Distanz, helfen Vorurteile ab- und Vertrauen aufzubauen? Und welche weiteren Vorteile, z.B. struktureller Art (Angebote der Nachbarschaftshilfe, generell ausserfamiliale Angebote) oder auch finanzieller Natur, könnte ein Modell des generationenübergreifenden Wohnens bieten?

 

Ja, solche Modelle des generationenübergreifenden Wohnens sind zu begrüssen. Sie helfen in der Tat, Berührungsängste zu überwinden und Vorurteile abzubauen. Richtig aufgegleist stellen sie einen Gewinn für beide Seiten dar: gegenseitige Hilfe (Kleinkinderbetreuung, Einkäufe, Leihgrosi, gegenseitig gebrachte Sicherheit, etc.).

 

Interview durch die Präsidentin der Genossenschaft

 


*Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello: Studium der Heilpädagogik und Entwicklungspsychologie in Fribourg. 1996 Habilitation und seit 2003 Titularprofessorin in Bern, Institut für Psychologie. Lehraufträge u. Forschungsaufenthalte an Universitäten in Europa und USA. Mitglied Forschungs- und wissenschaftliche Publikationsgremien. Leitung von Forschungsprojekten. Schwerpunkte: Entwicklungspsychologie der Lebensspanne; Generationenbeziehungen; Wohlbefinden und Gesundheit über die Lebensspanne, Mobilität und Autonomie im Alter u.a.m.
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